In seinem Substack ‘Netzlehrer’ argumentiert Bob Blume dafür, KI als Instrument der Zweckmäßigkeit zu begreifen, über dessen Einsatz hinweg wir jedoch nicht die eigene Leidenschaft vergessen sollten. Blumes spannender und gewinnbringender Beitrag hat mich zu meinem ersten Kommentar auf Substack verleitet und mich derart ins Schreiben gebracht, dass ich ihn zum Anlass nehme, um nach Jahren der Versenkung endlich wieder etwas auf diesem Blog zu posten. Hier also mein Kommentar, wie er auch auf Blumes Substack erscheint:
“Mir gefällt der Beitrag, weil er KI überhaupt im Kontext der Zweckmäßigkeit reflektiert. Was ich kritisch sehe, ist die Überlegung, ein Mittel komme nach dem Zweck. In der dialektischen Technikphilosophie nach Christoph Hubig wird das nämlich beides als sich gegenseitig informierend zusammengedacht (in ‘Die Kunst des Möglichen I’, Ansatz 4.2).
Die Verfügbarkeit eines Mittels – etwa eines Navigationsgeräts – verändert, welche Zwecke – etwa zu Punkt x kommen – wir auf welche Art und Weise setzen, eben weil wir den Zweck unter der Maßgabe der Realisierbarkeit durch jenes Mittel setzen. Wüssten wir bspw. nicht, wo Punkt x ist, haben aber ein Navigationsgerät, so können wir den Zweck ‘zu Punkt x kommen’ schon durch reine Verfügbarkeit des Navigationsgeräts als Zweck setzen und auch realisieren, indem wir dem Navigationsgerät folgen. Umgekehrt sind es auch unsere Zwecke, die darüber entscheiden, was wir als Mittel der Realisierung ansehen. Wollen/müssen wir also zu Punkt x und haben ein Navigationsgerät, können wir uns berechtigterweise die Frage stellen, ob wir in diesem spezifischen Handlungskontext überhaupt wissen müssen, wo Punkt x ist oder ob es nicht reicht, dem Navigationsgerät zu folgen. Unsere Mittel können uns also das Setzen bestimmter Zwecke ermöglichen und uns auch davon entlasten, die Umstände unserer Handlungsvollzüge immer vollständig selbst zu erarbeiten.
Gerade im Kontext von Schule und Bildung sehe ich aber gerade folgendes Problem: Es gibt eine Fehlpassung zwischen den Zwecken, die Schülerinnen in der Schule realisieren ‘sollen’ – etwa Wissen x erzeugen und dessen praktische Umsetzung zum übergeordneten Ziel der Bildung einüben – und der Art und Weise, wie wir das, was Schülerinnen in der Schule machen, gratifizieren. Als Teilsystem einer Gesellschaft, in der die generelle Idee vorherrscht, man brauche gute Abschlüsse um gut zu verdienen und in der ‘gut verdienen’ ein fragliches aber leider dominierendes übergeordnetes Ziel ist, übernimmt die Schule die Benotung von Schüler*innenleistungen. Als Teil der Gesellschaft wissen Schüler*innen das. Ihre Zwecke verschieben sich von ‘Wissen x erzeugen und einüben’ zu ‘gute Noten bekommen.’
Trifft ein derart potentes Mittel wie KI nun auf ein Bildungssystem, in dessen Namen schon der Begriff ‘Bildung’ als Selbstidentifikation mit auftaucht, das aber Schüler*innen durch Noten eigentlich auf eine Leistungsgesellschaft vorbereitet, in der Noten und Abschlüsse erst einmal wichtiger erscheinen als das, was jemand kann und auch gerne tut, ist es doch verständlich, dass das Mittel genau für die Zwecke eingesetzt wird, die im System eigentlich vorherrschen: Noten. Warum sollte man Wissen x haben, wenn es eigentlich um etwas anderes geht? KI zeigt hier nur mehr in verstärkter Weise, was seit Jahrzehnten im Bildungssystem falsch läuft und auch nicht an der Schultür Halt macht.
Das damit außerdem noch verbundene Verhängnis hängt mit dem zusammen, was ich im zweiten Absatz angemerkt hatte: Unsere Mittel ermöglichen uns das Setzen bestimmter Zwecke und entlasten uns davon, die Umstände unserer Handlungsvollzüge immer vollständig selbst zu erarbeiten. Ich sehe erst einmal kein Problem darin, solange wir uns bewusst entscheiden, auf welche Erarbeitungen wir verzichten können. Fahre ich beispielsweise einmal in meinem Leben in den Schwarzwald, muss ich vielleicht nicht unbedingt mittels Karte und Kompass erarbeitet haben, wo der Feldberg ist. Aber ich kann danach auch nur schwerlich von mir behaupten, den Feldberg jenseits des Fingerzeigs auf der Landkarte genau verorten zu können.
Damit will ich verdeutlichen, wie viel wir über einen Sachverhalt und über die Kompetenzen, die mit diesem Sachverhalt zusammenhängen – ihn sich erschließen, sich darin orientieren, darin hantieren können – theoretisch und praktisch wissen müssen, um überhaupt entscheiden zu können, welche Zwecksetzungen wir selbst vornehmen, welche Mittel wir zu deren Realisierung wählen und auf welche Setzungen wir selbst verzichten können. Es geht mir nicht um die platte kultur- oder technikpessimistische These, wir sollten auf KI verzichten, weil sie uns alle dümmer mache. Mir geht es eher darum, dass wir Schüler*innen die Möglichkeit verwehren, den möglichen Umfang ihrer Handlungs- und Orientierungskompetenz auszuprägen, wenn wir ihnen zu früh ein Mittel an die Hand geben, mit dem sie auf die Erarbeitungen der Umstände ihrer Handlungvollzüge verzichten können, bevor sie diese Entscheidung auf Basis eines breiten Wissens für sich selbst treffen können.”
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