In seiner Kritik zu Alex Garlands “Civil War” macht Dietmar Dath darauf aufmerksam, dass wir den Abstand zwischen den Bildern, die uns durch mediale Berichterstattung von Konflikten, Kriegen oder anderen politischen Vorgängen vermittelt werden, und den tatsächlichen Ereignissen in der Welt für eine kritische Reflexion nutzen können, statt sie, wie er sagt, nur zu “bewohnen”.
Erst wenn wir kritisch erkennen, welche Teile des Ereignisses von den Bildern gezeigt werden und welche nicht, ist es uns laut Dath möglich, tatsächlich zu verstehen, wie das Ereignis mit uns zusammenhängt. Wir können auch erkennen, ob wir in diesem Ereignis vielleicht sogar ungewollt auf einer bestimmten Seite stehen, die uns durch die Art, wie das Bild gemacht ist, verborgen bleibt.
So schauen wir Bilder überfluteter Straßen, brennender Wälder, von Krieg zerstörter Gebäude oder überfüllter Boote. Dabei sehen wir nicht, dass Menschen ihre Lebensgrundlagen, Existenzen und sogar ihr Leben verlieren. Wir sehen nicht, wie Menschen die zerschütteten oder verbrannten Überreste ihres vorherigen Lebens wieder aufbauen müssen und wir sehen nicht die Leichen toter Soldatinnen und Soldaten, unschuldiger Menschen, Kinder.
Und wieder und wieder schauen und hören wir andere Menschen, die diese Bilder relativieren, Katastrophen als tragische aber einmalige Ereignisse verklären, Kriege verherrlichen, den Klimawandel leugnen und Angst gegen Flüchtende schüren.
Dass wir solchen Menschen oft allzu leicht glauben schenken, verdeutlicht Dath mit einer interessanten Analogie:
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Laut Dath sind wir als Menschen darauf angewiesen, uns die Welt durch Technik zu erschließen und in ihr zu wirken. Wir benutzen Instrumente und Geräte, um uns die Arbeit zu erleichtern. Wir wenden Techniken des Zählens, Messens und Schreibens an, um uns zu verständigen und unser Verständnis der Welt mit anderen zu teilen. Und wir wenden Techniken des Organisierens, Diskutierens, Überzeugens an, um uns mit einigen Menschen zu solidarisieren und andere Menschen zu unseren Gegnern zu erklären.
Gerade in letzterem Fall erzeugen wir Bilder für und über uns und andere. Wir unterscheiden Menschen nach Kriterien, die wir dadurch, dass wir sie zum Unterscheiden nutzen, erst zu solchen Kriterien machen. Damit machen wir zuallererst Männer und Frauen, Väter und Mütter, weiße und schwarze Menschen, gewünschte und unerwünschte Menschen. Diese Bilder entwickeln sich in unseren Köpfen und unserer Gesellschaft. Schon als Kinder bekommen wir fertige Bilder von uns und anderen vorgesetzt, während wir nicht einmal selbst sprechen, handeln, schreiben und damit solche Bilder selbst erzeugen können.
Wenn wir aber – wie es Wolfgang M. Schmitt immer ausdrückt – nicht nur schauen sondern auch sehen wollen, gilt es, den Abstand zwischen unseren Bildern der Ereignisse und den Ereignissen selbst, von denen wir ein Teil sind, immer wieder aufs neue zu erkennen, zu bemessen und gegebenenfalls zu korrigieren.
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